Zum Gedenken 06.12.2011: 70. Jahrestag der Deportation der Juden aus Schleswig-Holstein
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Gedenken: 70. Jahrestag der Juden-Deportation im Norden

Landtagspräsident Geerdts
Kiel (dpa/lno) – Am 70. Jahrestag der Juden-Deportationen aus Schleswig-Holstein hat Landtagspräsident Torsten Geerdts (CDU) (s. Foto) zum Kampf gegen den neuen Rechtsextremismus in Deutschland aufgerufen. «Alle Demokraten müssen gemeinsam gegen rechte Gewalt stehen», sagte Geerdts am Dienstag in Kiel mit Blick auf die zehn Morde der rechten Terrorzelle «Nationalsozialistischer Untergrund» an neun Bürgern ausländischer Herkunft und einer deutschen Polizistin. «Wir können und dürfen uns keineswegs darauf ausruhen, nun über 60 Jahre lang ein demokratisches System in Deutschland zu haben», warnte der Landtagspräsident.
Er erinnerte an die Deportationen der Juden am 6. Dezember 1941 durch die Nazis. Damals waren 133 jüdische Menschen aus dem Gebiet des heutigen Schleswig-Holstein zusammen mit 753 weiteren Juden aus Hamburg nach Riga in Lettland deportiert worden. Von den aus Schleswig-Holstein Verschleppten überlebten nur fünf Männer und drei Frauen. Die systematische Ermordung der europäischen Juden durch die Nazis während des Zweiten Weltkriegs forderte bis zu sechs Millionen Todesopfer.

Prof. Gillis-Carlebach und Prof. Dr. Paul
An der gemeinsam mit der Landeszentrale für politische Bildung und der Universität Flensburg ausgerichteten Veranstaltung nahm auch die fast 90jährige Prof. Miriam Gillis-Carlebach aus Israel (s. Foto) teil und sprach mit dem Flensburger Historiker Prof. Dr. Gerhard Paul (s. Foto) über ihr Leben. Die Professorin für Pädagogik, Soziologie und jüdische Geschichte lebt in Ramat Gan in Israel und ist dort seit 1992 Leiterin des Joseph-Carlebach-Instituts an der Bar-Ilan-Universität.

Prof. Miriam Gillis-Carlebach
Miriam Carlebach hatte großes Glück. Sie konnte 1938 als 16jähriges Mädchen mit einem Touristenvisum nach Palästina emigrieren und dort überleben. Ihr Vater, der Oberrabbiner Joseph Carlebach aus Hamburg, ihre Mutter Charlotte und ihre drei jüngsten Schwestern dagegen wurden von den Nationalsozialisten am 6. Dezember 1941 nach Riga verschleppt und wenige Monate später ermordet. Nur der jüngste Bruder überlebte die Deportation. Miriam Carlebach erfuhr erst nach dem Krieg durch ihn vom Schicksal ihrer Familie. Deutschland war daher für sie bis 1983 kein Land, das sie wieder aufsuchen wollte. Die deutsche Sprache wurde 45 Jahre lang in ihrer Familie nicht gesprochen. Erst 1983, aus Anlass einer Feierlichkeit zum 100. Geburtstag ihres Vaters, kam sie mit ihrem Mann nach Hamburg und sprach dort wieder deutsch, um verstanden zu werden. In der Folgezeit kam sie immer wieder nach Deutschland und befasste sich auch als Forscherin mit den Geschehnissen im KZ Riga-Jungfernhof. Gemeinsam mit Prof. Dr. Gerhard Paul gab sie 1998 den Band „Menora und Hakenkreuz“ heraus. Die große Beteiligung an der Gedenkveranstaltung im Landtag nahm sie mit sichtlicher Freude auf.

Prof. Dr. Rainer Hering
Weitere Redner der Veranstaltung waren der Leiter des Landesarchivs, Prof. Dr. Rainer Hering, (s. Foto rechts) und die

Dr. Bettina Goldberg
Flensburger Historikerin Dr. Bettina Goldberg (s. Foto links). Ihre Habilitationsschrift „Abseits der Metropolen. Die jüdische Minderheit in Schleswig-Holstein“ (Wachholtz-Verlag) ist frisch erschienen und kann auch bei der Landeszentrale für politische Bildung erworben werden. Die Vorträge der Veranstaltung werden Anfang 2012 in einer Broschüre von der Landeszentrale veröffentlicht.
Vor 70 Jahren, am 6. Dezember 1941, wurden 133 jüdische Menschen aus dem Gebiet des heutigen Bundeslandes Schleswig-Holstein, zusammen mit weiteren 753 Juden aus Hamburg, nach Riga in Lettland deportiert. Von den aus Schleswig-Holstein Deportierten erlebten nur fünf Männer und drei Frauen das Ende des Krieges. Die anderen wurden Opfer des Holocaust.
Aus Anlass dieser größten Deportation aus Schleswig-Holstein gedenken am 6. Dezember 2011 in einer gemeinsamen Veranstaltung der Präsident des Schleswig-Holsteinischen Landtags, die Landeszentrale für politische Bildung sowie die Universität Flensburg der Ereignisse.
Zunächst wird der Leiter des Landesarchivs Schleswig, Prof. Dr. Rainer Hering, einen Überblick zur Judenverfolgung als Thema der schleswig-holsteinischen Landesgeschichtsschreibung geben.
Die Flensburger Privatdozentin Dr. Bettina Goldberg stellt anschließend ihre Forschungsergebnisse zur Deportation am 6.12.1941 vor. Es folgt eine szenische Lesung aus ausgewählten Dokumenten zum Thema.
Prof. Dr. Gerhard Paul von der Universität Flensburg beschäftigt sich in seinem Vortrag mit dem Tatort Riga und den Tätern.
Ein Gespräch des Flensburger Historikers mit Frau Prof. Miriam Gillis-Carlebach aus Israel, der Tochter von Joseph Carlebach, dem aus Lübeck stammenden letzten Oberrabbiners für Schleswig-Holstein und Hamburg rundet das Programm ab. Joseph Carlebach wurde zusammen mit seiner Frau und drei seiner jüngsten Kinder selbst Opfer der Deportation des 6. Dezember 1941.
PROGRAMM
Grußwort
Torsten Geerdts (Präsident des Schleswig-Holsteinischen Landtages)
Judenverfolgung als Thema der Landesgeschichte
Prof. Dr. Rainer Hering (Leiter des Landesarchivs, Schleswig)
Die Deportation der Juden aus Schleswig-Holstein am 6. Dezember 1941
PD Dr. Bettina Goldberg (Universität Flensburg)
“Auf nimmer Wiedersehen?”
Szenische Lesung mit dem Kieler Schauspieler Matisek Brockhues
Pause
Das Lager Riga-Jungfernhof und die Familie Carlebach
Prof. Miriam Gillis-Carlebach (Israel) im Gespräch mit Prof. Dr. Gerhard Paul
Endstation Riga-Jungfernhof: Tatzeit – Tatort – Tat – Täter
Prof. Dr. Gerhard Paul (Flensburg)
Bitte melden Sie sich an bei der Landeszentrale für politische Bildung unter Tel. 0431-988-5937 oder E-Mail info&@lpb.landsh.de oder Fax 0431-988-5942.
Erste Gesamtdarstellung der Geschichte der Juden im Norden
Kiel (dpa/lno) – Exakt 133 Juden aus Schleswig-Holstein sind am 6. Dezember 1941 nach Riga in Lettland verschleppt worden – drei Frauen und fünf Männer von ihnen erlebten das Ende des Zweiten Weltkriegs. Insgesamt 1225 Männer, Frauen und Kinder aus dem Norden wurden Opfer des nationalsozialistischen Judenmords. “Die jüdische Minderheit in Schleswig-Holstein” ist der Untertitel eines fast 800 Seiten starken Bandes, der jetzt unter dem Titel “Abseits der Metropolen” im Wachholtz-Verlag erschienen ist. Damit liegt erstmals eine Gesamtdarstellung der Geschichte der Juden im Land zwischen den Meeren vor. Herausgeber Prof. Gerhard Paul von der Universität Flensburg lobte das Werk bei der Vorstellung am Donnerstag als exzellenten Beitrag zur Erforschung des Judentums in Deutschland insgesamt und im Norden ganz speziell.
Vom beginnenden 17. Jahrhundert bis in die Frühphase der Bundesrepublik erstreckt sich die Darstellung. In der frühen Nachkriegszeit war das jüdische Leben im Land praktisch tot, nachdem die wenigen Überlebenden des Holocausts nach Israel und in die USA ausgewandert waren, erklärte die Autorin Bettina Goldberg. Die Geschichtslehrerin und Lehrbeauftragte an der Uni Flensburg hat für ihre Arbeit 22 Archive in Deutschland, Israel und den USA besucht, analysierte zahlreiche Dokumente aus Privatbesitz und führte 80 Interviews mit ehemals in Schleswig-Holstein lebenden Juden.
Bereits 1996 hatte Goldberg mit ihren Recherchen begonnen. “Das jüdische Leben hier war sehr vielfältig”, sagte sie. Allerdings lebten auf dem Gebiet des heutigen Bundeslandes laut Volkszählung von 1925 nur 1940 bekennende Juden: 0,13 Prozent der Gesamtbevölkerung und 0,34 Prozent aller Juden im Deutschen Reich. Zwei Drittel aller Juden lebten in den großen Städten Kiel und Lübeck. Goldberg untersuchte aber auch das jüdische Leben in kleinen und mittleren Städten. Nach Einschätzung Prof. Pauls setzt Goldbergs Studie auch bundesweit Maßstäbe. Es beinhalte die dichteste Beschreibung jüdischen Lebens von 1918 bis in die Nachkriegszeit. Das Buch ist in 800 Exemplaren erschienen

Wachholtz Verlag Neumünster
“Abseits der Metropolen – Die jüdische Minderheit in Schleswig-Holstein” von Bettina Goldberg ist sowohl beim Wachholtzverlag als auch bei der
Landeszentrale für politische Bildung Schleswig-Holstein,
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24103 Kiel
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