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Friedrich Paulsen

Friedrich Paulsen als Begründer politischer Bildung in Deutschland

Portrait von Friedrich Paulsen

Im Sommersemester 1881 hält Friedrich Paulsen an der Berliner Universität zum ersten Mal seine Vorlesung „Die Ethik mit Einschluß der Principien der Staats- und Gesellschaftslehre“. Es ist der Beginn praktizierter politischer Bildung in Deutschland. Aus dieser von nun an regelmäßig gehaltenen Vorlesung erwächst Paulsens 1889 publiziertes und bis 1921 zwölf Auflagen erreichendes „System der Ethik mit einem Umriß der Staats- und Gesellschaftslehre“, die erste konkrete Handlungsanleitung und das erste pädagogisch umgesetzte Konzept staatsbürgerlicher Erziehung. In vielen Haushalten wurde Paulsens Ethik zu einem regelrechten Ratgeber für alle Lebenslagen, der im Regal gleich neben der Bibel und dem Gesangbuch stand. Paulsens Titulierung als „Leibphilosoph des deutschen Bildungsbürgertums um die Jahrhundertwende“, wie ihn das Hamburger Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ noch 1972 nannte, hat hier ihren Ursprung.

Basierend auf einem anthropologischen Menschheitsverständnis entwirft er in dem zweibändigen System eine Tugend-, Moral-, Güter-, Pflichten-, Staats- und Gesellschaftslehre, die sich – immer von realen Lebenssituationen ausgehend – mit dem menschlichen Willen, Wissen und Gewissen, mit „Ehre und Ehrliebe“, „Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit“, der Funktion der Familie, der Stellung der Frau, mit der SPD und der sozialen Frage sowie mit der Staatsverfassung, dem Wahlrecht und den „Grenzen der Staatstätigkeit“ befasst. Paulsen versucht nicht mehr und nicht weniger als die ihn umgebende gesellschaftliche Wirklichkeit eins zu eins abzuspiegeln und daraus einen großen Fahrplan zur „allgemeinen Volkswohlfahrt“, ja zu einem „vollkommenen Menschenleben“ zu machen. Das hatte sich seit Kant und Hegel niemand mehr in Deutschland getraut. Paulsen aber, und hier ist er in der Tat ein Kind seiner Zeit, geht noch einen deutlichen Schritt über die beiden hinaus, indem er diese maximal-optimistische Zielprojektion zentral und integral mit einem staatsbürgerlichen Bildungskonzept verknüpft, das nicht irgendeinem übergeordneten humanistischen Ideal, sondern einzig und allein den Interessen der Nation dient. Erziehung zur Disziplin als freiwilligem Gehorsam, Unterordnung als Liebe zum Staatsdienst und Hingabe an die eigene Nation als Ausdruck eines gemeinsamen Willens von Individuum und Volk, das ist es, worauf Paulsens Ethik hinausläuft. Er fordert sogar für die Abschlussklassen der Volksschulen eine Unterrichtung, in der über die „Freiheitsrechte, deren sich der deutsche Staatsbürger erfreut“, umfassend informiert wird.

Der zentrale Begriff, mit dem dieses Konzept umgesetzt werden soll, ist allerdings nicht die Lehre vom Staat, sondern das hoch emotionalisierte und ideologisch vielfach missbrauchte Wort „Heimat“. Dieses frühe Wahrnehmungsfeld, das der Mensch für immer bewahrt und das die Bezugsgröße für alle späteren Lebensbereiche und – abschnitte darstellt, ist für Paulsen die eigentliche Basis politischer und staatsbürgerlicher Bildung. Es blieb seinem großen Schüler Eduard Spranger überlassen, diesen Grundgedanken in eine Wirkungsmächtigkeit umzusetzen, die bis zum heutigen Tage reicht. Für Spranger hat der Schul-, Hochschul- und Volkshochschullehrer als politischer Erzieher primär „Heimat- und Volkstumspfleger“ zu sein. Seine bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts wieder und wieder aufgelegte Schrift „Der Bildungswert der Heimatkunde“ ist prägend für das Selbstverständnis der 1918 konstituierten „Reichszentrale für Heimatdienst“, die nach dem Zweiten Weltkrieg als „Bundeszentrale für Heimatdienst“ wiederbegründet wurde, aus der die heutige Bundeszentrale für politische Bildung hervorgegangen ist. Worum es – damals wie heute – geht, ist die Identitätsbildung durch „lebenskreisnahe“ Erziehung. Diese ist für Paulsen wie auch für Spranger eingeordnet in die übergreifende und letztgültige Zielprojektion der Unterordnung des Individuums unter den Staat, in dem er lebt, mochte dieser demokratisch sein oder einen Kaiser an der Spitze haben.

Dr. Klaus Kellmann


politische-bildung-sh.de